Gedenken braucht Wissen

Suche nach den Schicksalen hinter den Heiligenstädter Kriegsgräbern. Bitte um Hilfe in der Bevölkerung

Sebastian Fehnl hat den Aufruf mitten in einem Gräberfeld auf dem Alten Friedhof platziert.

Silvana Tismer

Heiligenstadt Auf dem Alten Friedhof in Heiligenstadt gleich neben der schattigen Eichenallee stehen 40 Grabsteine. Fünf Reihen zu je acht Steinen bilden eine unverkennbare geometrische Formation. Es sind Kriegsgräber. Diese hier sind Gefallenen des Zweiten Weltkrieges gewidmet. „Weiter hinten sind weitere Kriegsgräber für Opfer des Ersten Weltkrieges“, zeigt Stadtarchivarin Anne Hey die Allee entlang Richtung der Kaskaden zum Kurpark, an deren Ende – von hier nicht zu sehen – das große Kriegerdenkmal steht. Der Alte Friedhof zählt zum Kurpark.

Keine Informationstafeln in Heiligenstadt

Es gibt eine dritte Gedenkstätte für Kriegstote in der Kreisstadt. Das ist der nur wenige hundert Meter entfernte Sowjetische Friedhof in der Dingelstädter Straße. Bernd Kittlaus vom Staatlichen Schulamt weiß, dass in vielen Orten erklärende Informationstafeln Kriegsgräberstätten ergänzen. Aber in Heiligenstadt weist nichts darauf hin, wer die Menschen waren, wie und warum sie nach Heiligenstadt kamen. „Als ich 2012 hier war, da lagen an manchen Gräbern frische Blumen“, erzählt Sebastian Fehnl vom Thüringer Landesverband des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge. „Es muss also noch Menschen geben, die etwas wissen.“ Auch an diesem Tag lehnt an einem der steinernen Kreuze ein kleines Schild: „In Liebe“ steht darauf.

Das Staatliche Schulamt Nordthüringen hat sich entschieden, in dieser Thematik aktiv zu werden. „Schuld ist die Landesregierung“, sagt Kittlaus. Es gibt eine Schwerpunktsetzung zur Aufarbeitung der Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Das Schulamt hat mit verschiedenen potenziellen Partnern Kontakt aufgenommen. Darunter die Stadt Heiligenstadt, vertreten durch das Stadtarchiv, aber auch mit dem Elisabeth-Gymnasium Heiligenstadt und der Staatlichen Berufsbildenden Schulen (SBBS) in Leinefelde. Deren Leiter – Heinz-Peter Kaes und Petra Stubenitzky – sind auch auf dem Alten Friedhof zu Gast, um dabei zu sein, wie Sebastian Fehnl einen Aufsteller zwischen den Grabreihen platziert. Auf ihm ist ein dringender Aufruf zu lesen.

„Wir suchen Zeitzeugen und historische Dokumente zu den Menschen, an die hier erinnert wird“, erklärt Fehnl. „Das können Fotos sein, Lebensläufe, ja sogar Feldpostbriefe helfen weiter. Wir möchten die Schicksale erfahren.“ Genau solche Dokumente würden zudem helfen, Lücken im Stadtarchiv zu schließen. „Wir Archive schlagen Brücken“, sagt Anne Hey. „Wir sind Orte wissenschaftlicher und geschichtlicher Erkenntnisproduktion. Und wir helfen, sie erlebbar zu machen.“

Namenslisten zu Grabstätten auf dem Alten Friedhof

Teils gebe es im Archiv einen schon umfassenden Aktenbestand, zum Beispiel über die Neugestaltung des Alten Friedhofes zu Beginn der 1990er Jahre und über den Sowjetischen Friedhof mit seinen 39 Grabstätten. „Zu allen 172 Kriegsgräbern auf dem Alten Friedhof haben wir die vollständigen Namenslisten.“ Aber mehr eben auch nicht.

Wenn der Aufruf Erfolg hat, dann kommen die Schüler ins Spiel. Im Elisabeth-Gymnasium werde man sich Gedanken machen, wie Informationstafeln in junger Sprache gestaltet werden können. „Also was sie selbst als junger Mensch lesen wollen“, erklärt Kaes. Und die Lehrlinge der SBBS werden diese Tafeln anfertigen. „Und wenn wir mehr zu den Einzelschicksalen erfahren können, ist es auch denkbar, am jeweiligen Grabstein noch eine kleine Tafel aufzustellen“, sagt Fehnl. Ein ähnliches Projekt habe man schon auf dem ehemaligen Erfurter Südfriedhof hinter dem Steigerwaldstadion erfolgreich realisieren können.

Wichtig sei vor allem, dass die Erinnerung an die Schrecken der Kriege nicht verloren geht. Als groben, aber realistischen Zeitplan sieht er etwa zwei Jahre bis zum Aufstellen der Tafeln. „Schön wäre es, wenn wir es schaffen“, sagt er. Denn dann könnte der zentrale Volkstrauertag für Thüringen 2023 mit der Staatskanzlei in Heiligenstadt stattfinden. „Mit dem Besuch der einzelnen Kriegsgräberstätten in der Stadt.“

Wer Informationen hat und helfen kann, wird gebeten, sich an Sebastian Fehnl entweder telefonisch unter 0361/6442175 oder per E-Mail an sebastian.fehnl@volksbund.de zu wenden.

Staatliche Berufsbildende Schulen Eichsfeld

Goethestraße 18
37327 Leinefelde-Worbis

Kontakt

Tel.: 03605 54310
Fax:  03605 543110
    
E-Mail: sekretariat@sbbs-eichsfeld.de
Internet: www.sbbs-eichsfeld.de

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